Wir streiten über Geld, das wir nicht verstehen

Finanzbildung für Bürger*innen, nicht nur für Anleger*innen

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an alternativen Geldsystemen gestiegen. Rund jeder zwölfte Deutsche hat inzwischen Kryptowährungen gekauft, ein Viertel ist offen dafür. Zeitungen berichten regelmäßig über Kurstrends, und Krypto-Gespräche im Bekanntenkreis sind allgegenwärtig. Gleichzeitig führt das Land seit dem Wahlkampf 2025 und dem neuen Sondervermögen ununterbrochen Debatten über Infrastrukturinvestitionen, Staatsschulden und Schuldentragfähigkeit.

Ein Verständnis des jetzigen Geldsystems ist für beide Themen eigentlich unerlässlich, und trotzdem trifft man regelmäßig auf mit Mythen gespickte Debattenbeiträge – ob in der Zeitung oder im privaten Gespräch. Mich persönlich fasziniert der Prozess, wie Geld in unserem Geldsystem neu entsteht. Denn er zeigt, dass weniger das Geld knapp ist als vielmehr die reale Ressource, die mit dem Geld sinnvoll genutzt werden soll. Die Bundesbank selbst sah sich 2017 veranlasst, einem „weitverbreiteten Irrtum“ zu widersprechen: dass Banken nur Geld verleihen könnten, das ihnen zuvor andere Kunden eingezahlt haben [1]. Daraus folgt ein Kern vieler Probleme heutiger Politik: Statt darüber zu streiten, wie wir die tatsächlich knappen realen Ressourcen effizient nutzen sollten, diskutieren wir über die Verteilung von Geldtöpfen, in der Annahme, Geld sei knapp, und nehmen in Kauf, reale Ressourcen ungenutzt zu lassen.

2023 riefen Finanz- und Bildungsministerium die Initiative Finanzielle Bildung ins Leben. Leider lag der Fokus nicht auf einer Debatte über unser Geldsystem und wie wir es als Gesellschaft bestmöglich nutzen, sondern auf Verbraucherinformationen zu Finanzprodukten. Die Kritik, dass dieser enge Fokus auf die Verbraucherebene zu kurz greift, ist nicht neu: Der Bildungsforscher Tim Engartner unterscheidet eine Finanzkunde, die den Einzelnen als Verbraucher im System befähigt, von einer ökonomischen Bildung, die die Einzelne das System beurteilen lässt [2].

Zwei einfache Fragen zeigen, welches Wissen gemeint ist. Sind Sie überrascht, dass die deutsche Privatwirtschaft – Haushalte und Unternehmen zusammen – fast doppelt so hoch verschuldet ist wie der Staat? Und kennen Sie eine gute Antwort darauf, wem dieses ganze Geld eigentlich geschuldet wird?

Auch im Jahr 2026 – vom Bankenverband als „Fokus-Jahr für Finanzbildung“ ausgerufen – verbindet Finanzminister Klingbeil Finanzbildung mit den individuellen Entscheidungen von Konsument*innen, wenn er argumentiert, die Frühstart-Rente stärke die finanzielle Bildung, weil der Staat mit seinen Depotzuschüssen für Schulkinder diese bereits an den Kapitalmarkt gewöhne. Im Wahlprogramm zur Landtagswahl haben auch wir Grüne Finanzbildung als Frage individueller Teilhabe gedacht.

„Damit alle jungen Menschen unabhängig von den Möglichkeiten ihrer Eltern erfolgreich am Wirtschaftsleben teilnehmen können, möchten wir auch die Finanzbildung rund um Geld, Steuern, Versicherungen und Vorsorge in den Schulen verankern.“
Aus dem Wahlprogramm zur Landtagswahl

Ich wünsche mir, dass Finanzbildung in Zukunft stärker aus der Perspektive von Bürger*innen gedacht wird. Ich bin überzeugt: Unsere Demokratie wäre stärker, wenn wir als Gesellschaft dem Staat nicht aus einem falschen Verständnis unseres Geldsystems heraus immer wieder einen kaum auflösbaren Sparzwang auferlegen würden.

„Finanzbildung ist uns wichtig. Wir wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger gut darüber informiert werden, wofür die Steuereinnahmen verwendet werden. Das Projekt ´Steuer macht Schule´ führen wir fort.“
Aus dem Koalitionsvertrag

Die Formulierung zur Finanzbildung im Koalitionsvertrag lässt hoffen, werden doch Bürger*innen im direkten Zusammenhang mit Finanzbildung erwähnt. Konkret sollte die Funktionsweise moderner Währungssysteme, insbesondere die Geldschöpfung, verbindlich in den derzeit in Überarbeitung befindlichen Bildungsplänen so differenziert verankert werden wie im Bildungsplan für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre an beruflichen Gymnasien.

[1] Deutsche Bundsbank: Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess. Monatsbericht, April 2017. https://www.bundesbank.de/resource/blob/614448/c0acb63e33120467bbb3615c63dc7e1a/mL/2017-04-geldschoepfungsprozess-data.pdf

[2] Tim Engartner: Finanzbildung bedeutet mehr als Wissen über Aktien. Surplus Magazin, 21.02.2026. https://www.surplusmagazin.de/finanzbildung-kritik-banken-aktien-etfs-rente-geldanlage/

Niklas Breitenbach-Netter,  OV Weil am Rhein

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